Der Staffelsee
(aus "Ein Sommer im Stahlbade am Staffelsee" von Dr. Wilhelm Asam verfasst um 1900)

Der Staffelsee wird alljährlich von vielen Tausenden besucht wegen seines herrlichen Wasser, das von keinem anderen in Deutschland an Milde, Weichheit und wohlthätiger Wirkung auf den Körper übertroffen wird. Diese Eigenschaften gründen sich auf besonders günstige Verhältnisse: Der Staffelsee hat einen Zufluß, die "obere Ach" (Obernach), welche aus Moorlagern entspringt, in Folge dessen sie schon von Natur aus eine milde Temperatur hat, die nicht von Schnee- und rauhen Gebirgswässern abgekühlt wird. Sie bildet dann bei Bayersoien einen See und windet sich von da wieder durch verschiedene Moorgründe, wobei sie neuerdings mildes, mit Moorteilen gesättigtes Wasser aufnimmt, und so in den Staffelsee rinnt. Dieser hat trotz seiner räumlichen Ausdehnung (2252 bayr. Tagwerk) doch nur eine sehr geringe Tiefe, die an nur wenigen Stellen circa 18 Meter erreicht, im allgemeinen 3 - 4 Meter nicht übersteigt und an den Ufern größtenteils nur einen Meter beträgt.

Weil also das Wasser nicht mit Schnee- und Gebirgswasser vermischt wird, erreicht es schon bei einigermaßen günstiger Witterung Ende April eine Temperatur, die für gesunde Leute um diese Zeit das Baden im Freien ermöglicht.

An seiner Ostseite fließen Therme, eisenhaltige Quellen in den See und steigen solche sogar an seinen seichten Ufern auf. Deshalb werden mit Vorliebe von den Gästen des Stahlbades als Nachkur die milden Wellen des See's aufgesucht.

In Folge seiner Eigenschaften: der Weichheit des Wassers, geschwängert mit Moorteilchen, und seiner Wärme, wirken die Bäder bei rheumatischen und gichtischen Affektionen, bei Erkrankungen und Ausschlägen der Haut, bei wunden Körperteilen (offenen Füßen), bei nervösen Schwächen und sonstigen Nervenleiden bei geschwächten Körperkräften nach überstanden Krankheiten oder in  Folge Berufsanstrengungen, bei Gästen, die in größeren Städten oder in sonstigen für die Gesundheit ungünstigen Verhältnissen ihr Leben zubringen müssen.

Ein anderer Vorteil, der durch den Staffelsee den Gästen des Stahlbades zu Gute kommt und als wichtiges Kurmittel angesehen werden muß, ist die Kahnschiffahrt. Die Schifferei mit leichten, schnell dahinschießenden Wasserfahrzeugen dient in einer großen Anzahl von Fällen als wesentliches Unterstützungsmittel zur Erzielung eines glänzenden Kurerfolges. Bei der körperlichen Anstrengung des Ruderns, die immer der individuellen Konstitution des Einzelnen angepaßt wird, wird der Respirationsapparat und der obere Körperteil viel mehr in Bewegung gesetzt als beim Gehen und dadurch bewirkt, daß der Drydationsproceß des Blutes in den Lungen befördert, die Herztätigkeit belebt und das Bedürfniß nach Speis und Trank wesentlich hervorgerufen wird.

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